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Dr. Martin v. Koppenfels:
Entziehung der Gefühle. Zur Affektpolitik des Romans nach Flaubert Das Vorhaben untersucht die Folgen, die sich aus den literarischen Verfahren Flauberts und einiger seiner Nachfolger für die Theorie und Praxis der Affekte ergeben. Die neue Rhetorik der Abkopplung oder impassibilité, die diese Autoren entwickeln, wird gedeutet als ein zögerndes Ausmessen jenes noch unbeschriebenen Grundes, den das Abebben der empfindsamen Flut freigelegt hat. Das Projekt beruht auf der Annahme, daß eine Affekttheorie, die sinnvoll auf moderne Literatur beziehbar wäre, ihre Stichhaltigkeit gerade in bezug auf jene Texte beweisen muß, die sich antipathetisch oder apathisch geben. Sie sucht den Schlüssel zu einer zeitgemäßen Theorie der Affekte gerade im Gestus der Gefühlsverneinung, den so viele Romane der letzten 150 Jahre zur Schau tragen. Durch die Tatsache, daß die Abwehr starker Gefühlsregungen zum Habitus der Moderne (im Gegensatz etwa zu Empfindsamkeit oder Romantik) gehört, wird die Frage nach der besonderen Affektivität moderner Literatur nur um so drängender. Ansatzpunkt der Untersuchung ist der Widerstand, den der Text der Lektüre entgegensetzt, indem er die Mechanismen der Einfühlung blockiert. Die Erfahrung scheiternder Empathie wird zur Schlüsselerfahrung des modernen Lesers. Sie setzt einen Prozeß der Verschiebung frei, der alles andere ist als bloße Affektlosigkeit. Dieser Prozeß soll der Analyse zugänglich gemacht werden. Dr. Jana Ziganke: Das Wundmal der Dummheit Das Projekt verfolgt den Zusammenhang zwischen Affektschwund und drohendem Verlust des Intellekts in der Prosa der Moderne. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, daß seit der Antike Dummheit mit Unempfindlichkeit und exzessiver Wiederholung in Zusammenhang gebracht wird. Moderne Inszenierungen der Dummheit seit Flaubert unterscheiden sich von traditionellen Bearbeitungen sei es in der Weisheits- oder Narrenliteratur, in Märchen, Fabeln oder Dramen darin, daß sie auf ein affektives Moment aufmerksam machen, das dieser Dyade verdrängt zugrunde liegen kann: Schmerz und Angst einerseits, Schock und Panik andererseits. Wenn das Wahrzeichen der Intelligenz [...] das Fühlhorn der Schnecke ist (Adorno), dann stellt das Emblem der Dummheit jene verhornte bzw. vernarbte Stelle dar, an der dieses Sinnesorgan ursprünglich verletzt wurde. Das Resultat dieses Immunisierungsprozesses ist zutiefst ambivalent: Leiden scheint einerseits Unempfindlichkeit nach sich zu ziehen, begrenzt [andererseits aber auch] die geistige Wirksamkeit (Pavese). Der Kampf zwischen Intellekt und Schmerz Das erstaunlichste Thema (Valéry) besitzt zentrale Auswirkungen auf die Poetik und Rhetorik so unterschiedlicher Autoren wie Robert Walser, Franz Kafka, Robert Musil, Paul Valéry, Antonin Artaud, Cesare Pavese, Carlo Emilio Gadda und Samuel Beckett. Jenny Willner, M. A.: Sprachwechsel als Strategie der Immunisierung. Das Projekt untersucht deutschsprachige Prosa, die Immunisierungsstrategien anhand von vertrackten Sprachbiographien verhandelt. Bei mehrsprachigen Autoren wie Peter Weiss, W.G. Sebald, Terézia Mora und Herta Müller verdichten sich moderne Erzählverfahren krisenhaften Erlebens im Motiv des Sprachwechsels. Die Konfrontation mit der fremden Sprache wird zum Handlungsrahmen beschriebener und formal vollzogener Strategien der Abwehr. Das Vorhaben hebt die materielle Metaphorik der behandelten Texte als ihren greifbarsten gemeinsamen Nenner hervor. Wer die Sprache als Werkzeug, Gerüst, Bollwerk, Ersatzheimat, Lebewesen oder Ereignisträger beschreibt, betont ihren Charakter als Fremdkörper. Die Sprache wird materiell, so die These, um sich nicht zu verflüchtigen, denn sie hat als Baumaterial bei der Errichtung eines Schutzwalls zu dienen. Die Grenzen des Subjekts stehen auf dem Spiel. Die Impulse der beschriebenen und formal vollzogenen Abwehr lassen sich jedoch nicht eindeutig festlegen, denn die Gefährdung betrifft sowohl die Sprache selbst als auch die Körper, von denen sie spricht. Die strukturelle Ähnlichkeit von Flucht und Übersetzung bildet den Ausgangspunkt einer Poetologie der Sprache in Gefahr. Johannes Türk, M. A. (Mitarbeiter bis 2006): Immunität: Archäologie eines medizinhistorischen Paradigmas der Moderne Von der biologischen Kriegsführung bis zur medizinischen Therapeutik ist die Immunität zum Schlüsselbegriff biopolitischer Auseinandersetzungen geworden. Wissenslücken sind in dieser Situation eine Frage individuellen und staatlichen Überlebens. Ziel der Arbeit ist es, von der Impfdebatte bis zur frühen Bakteriologie und der Entdeckung der Phagozyten als Agenten der aktiven Immunantwort die wesentlichen Etappen der Transformation des Immunitätsbegriffes punktuell nachzuzeichnen und seine Diffusion in die Alltagssemantik nachzuvollziehen. Von der internationalen Hygienepolitik bis zu den Sanatorien ist Immunität auch in biopolitische Kontexte eingelassen. Immunität ist nicht nur diejenige Funktion des Körpers, die ihn vor Umwelteinflüssen schützt: In ihr wird auch seine systemische Ganzheit gedacht. Die Integrität des individuellen Organismus steht in der Immunität als Grenzfunktion auf dem Spiel. Seit dem Zweiten Weltkrieg ist daher die Metapher des Selbst zum Schlüsselbegriff der Immunologie geworden, das Immunsystem ist die Funktion, die mit der Selbst/Nicht-Selbst-Unterscheidung arbeitet. Von diesen medizinhistorischen Überlegungen aus werden die Spuren dieser kardinalen Entdeckungen der Medizin in literarischen Arbeiten und theoretischen Texten thematisiert. Im Zentrum stehen dabei Thomas Mann, Marcel Proust und Émile Zola. Der historische Schwerpunkt der Arbeit liegt in der Zeit um die Jahrhundertwende. |
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