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Rhetorik der Immunität – Das Jahrhundert des unempfindsamen Textes

Junior Research Group „The Rhetoric of Immunity. Reading the Insensible Text“


Nachwuchsgruppe am Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Freien Universität Berlin

Die Macht der Literatur ist jahrhundertelang nach dem Vorbild der Ansteckung gedacht worden. Die kathartische Wirkung der Tragödie, aber auch das ansteckende Lachen der Komödie setzten voraus, daß der Zuschauer das Bühnengeschehen als physischen Einbruch erlebt. Der empfindsame Roman verstand sich als Organ zur Mitteilung feinster Empfindungsnuancen und schuf damit ein Medium, das die romantische Erzählung zur infektiösen Verbreitung beklemmender Grenzerfahrungen nutzen konnte.
Im Lauf des 19. Jahrhunderts mehren sich jedoch die Anzeichen eines Wandels im Selbstverständnis der erzählenden Literatur. Seit Mitte des Jahrhunderts tritt Gustave Flaubert mit einer Reihe von Romanen hervor, die den Leser nicht länger damit locken, in eine Welt exemplarischer Erfahrungen, großer Gefühle oder extremer Zustände einzutauchen. Stattdessen bieten sie ihm die Teilhabe an einer Distanzierungsübung. Statt ins Geschehen hineingezogen zu werden, prallt der Leser gegen eine federnde Wand aus Ironie und anderen Abwehrmechanismen. Sein Identifikationsbedürfnis findet kaum noch Nahrung. Diese Literatur, so scheint es, will nicht mehr anstecken, sie will Unempfindsamkeit verkörpern. Die „kalte“ Faszination, die sie auf den Leser ausübt, liegt im Versprechen der lesenden Teilhabe an dieser Unempfindsamkeit. Flaubert ist der Autor, dem man nachsagte, er führe die Feder wie ein Skalpell. Was die Technik des „chirurgischen“ Erzählens betrifft, so haben zahlreiche moderne Autoren verschiedenster kultureller Herkunft seine Nachfolge angetreten.

Die interdisziplinäre Arbeitsgruppe Rhetorik der Immunität erforscht die Traditionslinie modernen Erzählens, an deren Anfang Flaubert steht – und zwar in steter Auseinandersetzung mit der Geschichte derjenigen Disziplin, die seit dem 19. Jahrhundert den alten Traum von der Immunität monopolisiert und auf eine wissenschaftliche Grundlage gestellt hat: der Medizin. Der Habitus des Arztes oder Physiologen, der erstmals Flaubert zugeschrieben wurde, ist für moderne Erzähler so gängig geworden, wie es im 18. Jahrhundert der Habitus des Seelsorgers oder Pfarrers war.
Wir fragen nach dem skizzierten Wandel im Selbstverständnis der Literatur, jedoch vor dem Hintergrund jenes umfassenden Wandels im Selbstverständnis des Menschen, den die moderne Medizin herbeigeführt hat, indem sie die Begriffe der Krankheit und der Krankheitsabwehr auf ein neues, mikrobiologisches Fundament stellte. Gemeinsame Grundlage dieser Veränderungen ist die Herausbildung einer neuen, defensiven Vorstellung von Identität: Das bürgerliche Subjekt, zunehmend von Invasionsängsten heimgesucht, beginnt an seinen Grenzen zu zweifeln und seine Abwehr zu organisieren. Die moderne Literatur hat diesen Umbruch vielfältig aufgezeichnet und mit der Entwicklung neuer Strategien auf ihn reagiert. Doch so wie die Erforschung der Infektionskrankheiten der Erforschung des Immunsystems vorausging, weil der Ausbruch einer Krankheit spektakulär, ihre erfolgreiche Abwehr dagegen unsichtbar und lautlos ist, so hat auch die Literaturwissenschaft zwar stets von der Affinität zwischen Literatur und Ansteckung gewußt: daß Texte auch Modelle von Immunität darstellen können, ist ihr dagegen meist entgangen.

Im Rahmen der Arbeitsgruppe werden derzeit drei Forschungsprojekte sowie ein Colloquium durchgeführt.

Gefördert aus Mitteln der Volkswagenstiftung.